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Norbert Schuldei über Kunst, Kultur, das Miteinander...
„Mit Kunst ein Bild des Geldes machen”
Kunst aus deutschen Landen ist international gefragt wie
selten zuvor. Für Blaue-Reiter-Maler, einst eher
belächelt, werden Höchstpreise gezahlt (ein Bild von
Franz Marc wechselte kürzlich für 16,5 Millionen Euro
den Besitzer, mehr als das Doppelte des Schätzpreises);
Arbeiten von Gerhard Richter brachten bei Auktionen von
2000 bis 2006 fast 118 Millionen Dollar, Neo Rauch wird
wild gesammelt und hoch gehandelt; und auch die
Fotografen der Becher-Schule Andreas Gursky, Thomas Ruff,
Thomas Struth oder Candida Höfer erzielen mit ihren
Fotografien Rekordpreise.
Christie's machte 2007 einen Umsatz von rund 6,3
Milliarden Dollar - 36 Prozent mehr als im Vorjahr;
Sotheby's kam auf 6,2 Milliarden Dollar: ein Plus von 51
Prozent.
Kunst spiegelt immer auch die gesell-schaftliche
Wirklichkeit wider: Kunst ist in dem Maße zu Geld
geworden wie die Gesellschaft vom Kapital regiert wird.
Mit Bildern kann man spekulieren. Die wenigen, die in
kurzer Zeit dank des von der abgewählten
Bush-Administration gepflegten Neoliberalismus im bis
vor einigen Wochen noch real exis-tierenden
Kasino-Kapitalismus zu (unver-schämt) viel Geld gekommen
sind, können sich mit Kunst im wahren Sinne des Wortes
ein Bild ihres Geldes machen. Die Zeiten haben sich
inzwischen geändert, man kann eine Art Sozialismus von
oben beobachten: Banken werden teilverstaatlicht, deren
Verluste und auch die der Automobilindustrie auf die
Steuerzahler umgelegt. Um das, was Künstler schaffen, zu
erwerben, haben die kleinen Steuerzahler deshalb noch
weniger Geld übrig als vor der Finanzkrise. Die hat sich
von einer Krise der Banken zu einer Millionen
betreffenden Geldbeutel-Krise runterge-schaukelt. Selbst
wenn Aldi heute - wie schon einmal vor Jahren -
Original-Kunstwerke in sein Sortiment aufnähme, würden
die Blätter wahrscheinlich im Regal liegen bleiben. Von
Kunst kann kaum jemand satt werden...
Künstler führen in der Regel ein nicht entfremdetes,
nicht virtuelles, nicht von äußeren Zwängen bestimmtes
Leben. Das hat etwas mit Werten zu tun, mit Emotion:
Kunst ist auch eine Art Gegengift gegen die
Digitalisierung und gegen die Globalisierung, gegen das
sehr reale Gefühl, in einer Welt zu leben, die immer
uniformer, immer austausch-barer wird, in der jeder und
alles ganz schnell vergänglich ist. Anders als ein
Diamant im Portemonnaie oder ein Aktienpaket im Schrank
hat ein Kunstwerk aber etwas Tröstliches: Wer sich ein
Bild hinhängt, ist nicht mehr allein. Die andere Seite:
Das jährliche Durchschnitts-Einkommen für bildende
Künstler in Deutschland betrug 2007 gerade mal 10.510
Euro. Insgesamt sind 55.489 bildende Künstler bei der
Künstler-sozialversicherung gemeldet; es gibt rund 315
private und öffentliche Preise und Stipendien für
Künstler. Die Frage nach der Rolle von Kunst und
Literatur im Bemühen um mehr Gerechtigkeit in der
Gesellschaft stellt sich heute möglicherweise mehr denn
je - nur findet sich kaum ein Künstler, der sich in der
postmodernen Welt der Frage nach dem Verhältnis von
Individuum und Politik in der Gesellschaft stellt. Die
geistigen Erkenntnis-prozesse mit sozialen Einsichten zu
verbinden, eine auch kämpferische Ästhetik, eine neue
Ästhetik des Widerstandes - auch das ist Aufgabe von
Kunst und von Künstlern heute.
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Forum können sich die Leser über das Thema der Kolumne austauschen
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